Freitag zu Palantir

Freitag zu Palantir

Im Freitag findet sich ein interessanter Artikel zur Analyse-Software Palantir: https://www.freitag.de/autoren/daniel-kretschmar/palantir-sieht-alles-vom-autoritaeren-traum-totaler-kontrolle. Gute und wichtige Erkenntnisse, aber mit der Überschrift liegt man dem voll im Trend des Silicon-Valley-Marketings: „Palantir sieht alles: Vom autoritären Traum totaler Kontrolle“.

Der Artikel über Palantirs möglichen Einsatz im deutschen „Datenhaus“ impliziert ein wenig beruhigendes Bild einer dystopischen Zukunft mit einer „perfekten Polizei“, die alles weiß und alles vorhersehen kann. Diese Vision verdient Ablehnung – nicht nur aus bürgerrechtlicher Perspektive, sondern auch aus nüchterner technologischer Sicht.

Die Vorstellung einer Software, die „alles weiß und alles kann“, gehört ins Reich der Science-Fiction – oder präziser: ins Reich des Silicon-Valley-Marketings. Palantirs Namensgebung ist bereits ziemlich aussagekräftig: Ein mythisches Seherwerkzeug aus Tolkiens Fantasiewelt verspricht magische Allwissenheit. Diese narrative Verknüpfung sondern ist leider erfolgreiches Marketing.

Tech-Unternehmer wie Peter Thiel leben davon, ihren Produkten nahezu übernatürliche Fähigkeiten zuzuschreiben. Die Realität sieht nüchterner aus: Datenanalyse-Algorithmen arbeiten mit Wahrscheinlichkeiten, nicht mit Gewissheiten. Sie sind nur so gut wie die Daten, auf denen sie trainiert wurden (oft unvollständig und voreingenommen) Sie können menschliches Verhalten nie vollständig vorhersagen, da dieses von unzähligen Faktoren abhängt

Die gefährliche Gleichung: Mehr Daten = Mehr Sicherheit

Der Artikel beschreibt treffend, wie die Forderung nach immer umfassenderen Datensammlungen als alternativlos dargestellt wird. Doch große Datenmengen führen zu vielen Fehlalarmen und falschen Verdächtigungen und halten damit die Polizei von ihrer Arbeit ab.

Besonders problematisch ist die intransparente Funktionsweise proprietärer Analyse-Software. Wenn nicht einmal die Anwender bei Polizei und Behörden vollständig verstehen, wie Entscheidungen algorithmisch zustande kommen, wird rechtsstaatliche Kontrolle unmöglich. Hinzu kommt, dass nicht mal die Entwickler verstehen, wie ihre Software funktioniert.

Am problematischsten ist vielleicht der Glaube, komplexe gesellschaftliche Herausforderungen primär technologisch lösen zu können. Dieser „Solutionismus“ (Evgeny Morozov) lenkt von den eigentlichen Ursachen ab. Die Versprechen der Tech-Industrien klingen auf den ersten Blick verlockend einfach: Mit genug Daten und der richtigen Algorithmen lassen sich komplizierteste gesellschaftliche Probleme lösen. Diese Erzählung verschweigt bewusst die Grenzen technischer Lösungen und die Notwendigkeit demokratischer Aushandlungsprozesse.

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