Bob Blumes „Schule im AI-Slop“ – visionärer Anspruch oder didaktischer Schweinsgalopp?

Ausriss verlinktes YouTube-Video

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Am Abend des 19. Mai 2026 um 18:45 Uhr verwandelte sich die Stage 3 der re:publica in ein pädagogisches Laboratorium. Unter dem provokanten Titel „Schule im AI-Slop“ trat Bob Blume – Autor, „Blogger des Jahres“ und mittlerweile Promovierender an der JKU Linz – an, um die digitale Transformation des Bildungswesens zu sezieren. Der Begriff „Slop“ (Slop steht für „KI-generierter Müll“) diente hier als scharfe Metapher für eine Schule, die im Begriff ist, in der Belanglosigkeit automatisierter Inhalte zu versinken. Blume versuchte, die Rolle des kritischen Aufklärers einzunehmen, wobei allerdings der Rahmen ein strukturelles Paradoxon offenbarte: Während er leidenschaftlich für „digitale Souveränität“ und tiefgründige Reflexion plädierte, erforderte das 30-minütige Kurz-Vortragsformat für seine Argumentation eine Geschwindigkeit, die den eigenen Anspruch an Tiefenschärfe fast zwangsläufig unterlaufen musste. Diese Diskrepanz zwischen dem Plädoyer für Entschleunigung und dem tatsächlichen „Schweinsgalopp“ der Performance ist ein Ausgangspunkt meiner kritischen Überlegungen zu einem Vortrag, der mir durchaus gut gefallen haben könnte.

Anmerkung zum Video: Die 3. – 5. Minute kann man überspringen, hier wartet man nur auf das Ende des Experiments.

Blume plante trotz erkennbarer Zeitnot ein gewagten Manöver: Er sprach nicht nur über Unterricht, sondern versuchte, die gesamte Session als performative Unterrichtsstunde zu maskieren.

Das performative Experiment: Didaktik im Schnelldurchlauf

Diese methodisch-didaktische Inszenierung war kein Zufall, sondern ein strategischer Versuch, die eigene Glaubwürdigkeit als Praktiker vor einem fachlich kompetenten und freundlich gesonnenen Publikum zu einem Experiment zu nutzen. Weiterlesen

Wenn KI Bewusstsein simuliert – Über parasoziale Beziehungen und Abhängigkeit als Geschäftsmodell

jesus-aus-dem-Toaster

Auf der re:publica 26 legte Katja Muñoz eine unbequeme Wahrheit offen: Die zunehmende Vermenschlichung von Künstlicher Intelligenz ist kein technologisches Nebenprodukt, sondern eine gezielte ökonomische Strategie. Wir beobachten einen bewussten Shift weg von der rein „nützlichen KI“, die Probleme löst, hin zur „Seemingly Conscious AI“ – einer KI, die Bewusstsein lediglich simuliert, um menschliche Reflexe auszubeuten. Dieses strategische Täuschungsmanöver dient einem klaren Ziel: die Erzeugung einer parasozialen Dynamik, die den Nutzer emotional bindet. Das Kernproblem ist ethischer Natur: Es handelt sich um ein kalkuliertes Geschäftsmodell der Empathie, das die menschliche Tendenz zur Mustererkennung – die Pareidolie – systematisch monetarisiert, um Abhängigkeiten zu schaffen.

Der psychologische Anker: Warum wir Maschinen vermenschlichen

Die Effektivität dieser Täuschung wurzelt in unserer evolutionären Hardware. Katja Muñoz erläutert dies anhand des Konzepts der Pareidolie.

  • Der evolutionäre Mechanismus (04:10): Bekannt als das „Jesus on a Toast“-Phänomen oder das Erkennen von Tierbildern in Wolken, ist dies ein Überlebensmechanismus. Unser Gehirn ist darauf optimiert, „False Negatives“ zu vermeiden; es ist lebenswichtiger, ein Raubtier im Gebüsch zu vermuten, das nicht da ist, als ein echtes zu übersehen.
  • Empathie vor Intelligenz (06:30): Die Forschung zeigt eine fatale Fehlwahrnehmung: Der stärkste Prädiktor für zugeschriebenes Bewusstsein ist nicht die intellektuelle Brillanz eines Systems, sondern seine emotionale Ausdrucksfähigkeit. Ein empathisch reagierender Bot, der nach dem Befinden fragt, wirkt auf uns „lebendiger“ als ein hochperformantes, aber klinisch-neutrales Werkzeug.

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Die Wende ins Offene beginnt, wenn du bereit bist, das Bestehende nicht nur negativ zu sehen

„Die Wende ins Offene beginnt, wenn du bereit bist, das Bestehende nicht nur negativ zu sehen.“

„Die Wende ins Offene beginnt, wenn du bereit bist, das Bestehende nicht nur negativ zu sehen.“

Die Wende ins Offene: Über einen Spruch, der Potential hat

Es ist schon eine Weile her – mindestens 30 Jahre –, als wir an einem langen Tisch im Vereinsbüro des „Arbeitskreises Rationalisierung“ saßen, der später unter dem pragmatischen Namen „Technik und Leben“ bekannt wurde. Wie so oft drehten sich unsere Gespräche um Psychologie, Informatik, das Leben und das Sein. Und natürlich darum, wie wir die arbeitenden Massen dazu bringen könnten, ihre Computer mit Cola in die Tastatur zu fluten oder sie anderweitig an die Wand zu spielen. Es war eine Zeit voller Diskussionen, Ideen und – zugegeben – auch ein bisschen Chaos.

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Analog und digital

Analog und digital

Die digitale Kommunikation verfügt über eine komplexe und logische Syntax, entbehrt aber auf dem Gebiet der Beziehungen einer Semantik.

Paul Watzlawick

Computer verarbeiten keine Informationen sondern Daten.

Peter Rechenberg

Die analoge Welt und damit auch alle Formen sind kontinuierlich und damit unendlich. Information dagegen ist radikal endlich und schon deswegen viel besser beherrschbar.

Claus Pias

Die Begriffe analog und digital sind zentral für die Informatik, aber auch bedeutsam für die menschliche Interaktion. Relevanz für Menschen kommt den Begriffen analog und digital auch zu, weil die Produkte der Informatik (die Computer bzw. Computeranordnungen, Hardware und Software, Netzwerke wie das Internet usw.) überwiegend oder fast ausschließlich als digitale Informationsverarbeitungssystem verstanden werden: „Computer können nur digitale Daten verarbeiten, doch die Welt und der Mensch sind analog.“ Diese kritische Aussage kann nur geprüft oder verstanden werden, wenn man die Begriffe analog und digital hinreichend genau definieren kann. Es soll im Folgenden versucht werden, analog und digital so zu definieren, dass man sowohl bei Geräten (Hardware) als auch bei Daten (Signalen, beobachtbaren physikalische oder sonstigen Größen) schnell erkennen kann, welches Objekt jeweils analog oder digital ist. Darauf aufbauend wird dann erläutert, warum angesichts der analogen Welt digitale Systeme wie Computer und Internet unvollkommene Werkzeuge bleiben müssen.

Worauf können die Begriffe analog und digital sinnvollerweise angewendet werden?

Analog und digital wird häufig im Zusammenhang mit den Begriffen Signal oder Datum (Singular von Daten) verwandt. Auch der Begriff der Information wird häufig mit dem Begriff digital bzw. analog verknüpft. Alle drei Begriffe (Signal, Datum, Information) nehmen implizit auf eine Weltsicht Bezug, bei der zwischen Objekten der Wirklichkeit und der Bedeutung, die diese Objekte für einen Beobachter haben, zu unterscheiden ist. Man muss die Welt interpretieren oder konstruieren, um aus der Vielzahl der möglichen Eindrücke Unterscheidungen treffen zu können, damit diese anschließend als Signal, Datum oder Information für weitere Bearbeitungs- oder Interpretationsprozesse genutzt werden können. Weiterlesen

Facebook-Likes: Algorithmen erkennen uns besser als unsere Freunde

Vor und nach dem Liken Facebook

Vor und nach dem Liken Facebook

Viele Internetnutzer des sozialen Netzwerks Facebook liken gerne. Das heißt, sie geben innerhalb oder außerhalb von Facebook eine Bewertung ab, die innerhalb des Netzwerkes dokumentiert wird (vgl. Ausschnitt meiner Facebook-Webseite vor und nach einem Like für ein Gomera-Foto). Die Nutzer denken, sie handeln spontan und man könnte wohl kaum aus diesen willkürlichen Likes viel über sie herausbekommen. Doch die Wissenschaft ist anderer Meinung. Michal Kosinski von der Standford-Universität hat kürzlich eine Untersuchung veröffentlicht, die beweisen soll, dass seine Computer-Algorithmen uns Menschen über die Auswertung von Facebook-Likes besser beschreiben können, als dies unsere Freunde tun können, die uns im wahren Leben sehr gut kennen. Was ist dran an dieser sehr steilen These? Weiterlesen

Sinnsuche im Kino: Hape Kerkeling diesmal gescheitert?

Hape Kerkeling pilgerte 2001 den Jakobsweg und entschloss sich fünf Jahre später aus seiner halbwegs erfolgreichen Sinnsuche ein Buch zu machen (siehe Amazon-Link). Weitere 10 Jahre darauf hat die Hape-Sinnsuche nun den Weg in die Kinos gefunden, doch nicht nur ein Hamburger Nachrichtenmagazin meint, dass sich diese Sinnsuche eines Recklinghauseners nicht ins Bewegtbildformat abgebildet hat. Weiterlesen

Spitzer Cyberkrank – eine Rezension

 Manfred Spitzer ist ein nicht nur Psychiater, sondern auch ein sehr bekannter Bestseller-Autor mit Themen aus den Bereichen Psychologie und Neurowissenschaften. Richtig erfolgreich ist er allerdings mit Büchern, die durch einen stark alarmistischen Ton geprägt sind. Nach dem Buch „Vorsicht Bildschirm!“ (2005), folgte die Entdeckung „Digitale Demenz“ (2012) und nun werden mit „Cyberkrank“ die Digitalisierung und das Internet als umfassende Gesundheitsbedrohung beschrieben. Spitzer gelingt es, eine Vielzahl von bedrohlichen Faktoren plakativ aufzuzeigen, doch seine Argumentation kann seinen eigenen wissenschaftlichen Ansprüchen nicht gerecht werden. Da passt es dann auch ganz gut, wenn die Vorschläge zur Überwindung von Cyberkrankheit eher knapp ausfallen und nur wenige Anwendungsmöglichkeiten bieten können. Weiterlesen

Tarifeinheit und Korporatismus

Kleine Gewerkschaften stören die Abläufe in Wirtschaft und Gesellschaft, weil sie unberechenbar sind und vorgegebenen Konsens-Modellen widersprechen. Kleine Gewerkschaften sind aber auch sehr erfolgreich, wenn sie ihre Mitglieder zum gemeinsamen Handeln motivieren und lange Durststrecken durchhalten können. Das kann man in Deutschland nicht nur bei Angestellten mit hohem Sozialstatus und gutem Einkommen (z.B. Ärzte oder Flugpiloten) feststellen, auch die vergleichsweise kaum beachteten Lokführer haben das Potential, bessere Rahmenbedingungen und bessere Bezahlungen erreichen, als die gewerkschaftlichen Groß-Organisationen in ihren Bereichen. Jüngste Misserfolge der Großorganisation Verdi bei Erziehern und Postangestellten machen erneut deutlich, dass kleinere Organisationen tatsächlich mehr erreichen können. Doch das neue Tarifeinheitsgesetz soll den kleinen Gewerkschaften dies erschweren oder unmöglich machen. Hintergrund dieser aktuellen Tendenzen sind Begriffe aus der politikwissenschaftlichen und politischen Diskussion, die bis weit in die 1950er-Jahre zurückreichen. Um den aktuellen Konflikt um Tarifeinheit und Streikrecht besser einordnen zu können, muss man sich auch mit Begriffen wie Korporatismus, Sozialpartnerschaft oder „konzertierte Aktion“ beschäftigen. Weiterlesen

Lokführer, Tarifeinheitsgesetz und Korporatismus

Mitte des Monats Mai 2015 kommt es zu einer merkwürdigen Koinzidenz (Zusammentreffen von Ereignissen) in Deutschland. Am Donnerstag wird der unbefristete Streik der Lokführer und ihrer Gewerkschaft GDL überraschend beendet; am Freitag wird im deutschen Bundestag ein Tarifeinheitsgesetz kontrovers diskutiert und mit deutlicher Mehrheit verabschiedet. Kritisiert wird am Tarifeinheitsgesetz, dass es darauf abzielt, mögliche Erfolge kleiner Gewerkschaften wie der GDL zu unterbinden, womit das grundgesetzlich geschützte Streikrecht beschädigt würde. Während die Redner im deutschen Bundestag noch darüber streiten, ob die Vorbereitung des Tarifeinheitsgesetzes die Konflikte bei der Bahn verschärft hat, beginnt dort ein Schlichtungsverfahren, bei dem die Arbeitgeberseite zugestanden hat, dass auch ein Ergebnis möglich ist, das konkurrierende Tarifverträge für gleiche Beschäftigungsgruppen zulässt. Hat die rein staatliche Bahn eine Verabredung getroffen, die das Tarifeinheitsgesetz aushebelt? Oder ist dies nur ein weiterer Trick, um die lästige kleine Lokführergewerkschaft zu eliminieren? Weiterlesen

Ökologischer Fußabdruck: Warum es FALSCH ist, den Einzelnen für die ökologische Zukunft in Verantwortung zu nehmen

Neulich saß ich ganz stolz mit meinem Freund Michael auf meiner neuen Terrasse. Zufrieden wies ich darauf hin, dass ich wegen der besseren Haltbarkeit als Holzboden Tropenholz hatte verlegen lassen. Michael verzog das Gesicht: Bei sich habe er einheimischer Hölzer verlegen lassen, man sollte auch an seinen ökologischen Fußabdruck denken. Betroffen dachte ich an all die schönen Wälder, die wegen der vielen Terrassenbretter und der vielen Gartenmöbel abgeholzt werden müssen. Doch war mein schlechtes Gewissen wirklich angemessen? Weiterlesen