Man stelle sich vor, man bekommt von einem Bekannten eine sehr allgemeine Frage gestellt. Man findet die Frage interessant, hat aber den Verdacht, der Bekannte fragt nicht wirklich, weil er die Antwort schon weiß. Das klingt irgendwie unwahrscheinlich, könnte aber durchaus so sein, wenn es um eine Frage geht, die eine eindeutige Antwort zwingend impliziert. Aber so war die Frage nicht gestellt worden.

Umsetzung des Prompts „Bitte bestätige, dass Du kein Bot bist – wie lange wird man die Captcha-Frage noch ehrlich bejahen können?“ von Nano Banana.
In der modernen Welt der Chatbots kann man schon mal ins Grübeln kommen
Dieses Ausgangszenario wählt der Zukunfts- und Transformationsexperte Roland Benedikter in der Ausgabe 34/2026 der Wochenzeitung Freitag, um daraus komplexe Deutungen der gegenwärtigen Nutzung von KI-Chatbots abzuleiten. Vgl. auch https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/ki-bedroht-freundschaften-wir-alle-koennten-bald-ein-doppelleben-fuehren
Der Befragte in Benedikters Szenario, also Benedikter selbst, hat einen Verdacht:
Meine Antwort hat für den Frager höchstwahrscheinlich gar keine Bedeutung. Eher ist sie für ihn eine Meinung unter vielen in einer Deutungs- oder Rezeptionsstatistik. Oder sie ist Small Talk – oder einfach die Stimme eines für ihn interessanten Menschen, ein zusätzlicher Gesichtspunkt. Inhaltlich kann sie so oder so ausfallen, das wird für ihn wohl keinen Unterschied ausmachen.
Viel Spekulation zu einer einfachen Kommunikationssituation
Das ist ziemlich viel Spekulation für eine nicht unbedingt komplexe Kommunikationssituation. Man könnte durchaus produktiv mit diesen Überlegungen umgehen, zum Beispiel, indem man inhaltlich auf die Frage eingeht oder in die Meta-Kommunikation wechselt. Aber unser Befragter hat anderes im Sinn. Er erklärt zunächst den Grund für seinen Verdacht und knüpft einige weitere (recht steile) Thesen daran an.
Der Befragte weiß, dass der Fragesteller sehr intensiv einen modernen KI-Chatbot nutzt und sogar Geld dafür ausgibt, denn er hat einen Bezahlt-Account für ChatGPT. Für solche Leute braucht man wohl einen Begriff; es sind die „Botler“. Tatsächlich baut Benedikter seine folgende Argumentation darauf auf, die Menschheit in Botler und Nicht-Botler (Normalos) aufzuteilen und den Botlern einiges zu unterstellen, wodurch diese eher schlecht dastehen. So gelangt man zu Erkenntnissen, die sich zwar gut für steile Thesen eignen, deren empirische Stimmigkeit aber zweifelhaft bleibt.
Ist die Unterscheidung in Intensivnutzer und Selten- bis Nichtnutzer von KI-Werkzeugen wirklich langfristig tragfähig?
Denken wir zurück an die Anfangszeit des modernen Internets ab Mitte der 1990er-Jahre. Damals gab es Experten und Intensivnutzer, die mit ihren Fähigkeiten und Kenntnissen einen Wissensvorsprung aufbauen konnten. Und es gab die „Normalnutzer“, die angesichts der Fülle des neu zugänglichen Materials eher verzweifelt waren. Dann kamen Suchmaschinen wie Google und später Social-Media-Angebote, die auch den Nicht-Nerds halfen, die Online-Welt zu erschließen. Heute ist fast jeder ein Internetnutzer, ob am PC im Büro oder zu Hause oder mit dem Smartphone unterwegs. Die Nicht-Internetnutzer gelten heute als Sonderlinge, die einfach nicht verstanden haben, wie sie mit den modernen Zeitläufen besser klarkommen können.
Früher gab es Offliner und Onliner, heute sich es Botler und Nicht-Botler?
Meiner Einschätzung nach sind KI-Werkzeuge wie Chatbots Weiterentwicklungen von Suchmaschinen oder Medienangeboten. Es wird nicht lange dauern, bis sie von den meisten genau so selbstverständlich genutzt werden wie Suchmaschinen, Social-Media-Angebote, PCs oder Smartphones.
Wir werden also fast alle zu Botlern und können im Kommunikationsprozess mehr oder weniger geschickt die KI-Werkzeuge einbeziehen oder bewusst darauf verzichten – nämlich dann, wenn es um Themen geht, die von ChatGPT und Konsorten nicht gut genug beantwortet werden können, weil diese keinen direkten Bezug zur konkreten Realität haben, sondern die Welt nur über die Artefakte kennen, die sie in ihrem Lernprozess zur Kenntnis gebracht bekommen haben.
Aus einer anekdotischen Erkenntnis mit Kommunikationsverzicht …
Was aber unterscheidet den Botler vom Nicht-Botler? Er erpromptet sich Wissen, das der Nicht-Botler nicht haben kann. Und weil er damit einen großen Vorsprung gewinnt, behält er sein Wissen für sich in einer Art „zweitem Gehirn“ und verbirgt seine höhere Kompetenz vor den Normalos. Man will ja kein Besserwisser sein, der sozial isoliert ist.
… kann man zwar steile Thesen aber keine Erkenntnisse gewinnen.
Klingt absurd? Ist aber eine der steilen Thesen, die im Freitag-Beitrag ausführlich entwickelt wird. Hinzu kommt das Problem, dass mehr oder weniger alle zu Promptern, also zu Botlern werden. Damit hätten wir dann eine Gesellschaft, in der alle einen Wissensvorsprung vor allen anderen haben (bzw. meinen zu haben), den sie vor allen anderen verheimlichen müssen, weil keiner sozial isoliert werden möchte.
Fazit
Benedikter scheitert mit seiner Kulturkritik der KI-Werkzeuge – wie schon viele Kulturkritiker vor ihm, sobald neue Werkzeuge den Menschen allgemein zur Verfügung stehen, über die bisher nur Privilegierte oder Eingeweihte verfügten. Darüber hat Kathrin Passig bereits 2013 ein sehr schönes Buch geschrieben: Standardsituationen der Technologiekritik.
Passig müsste man sicherlich auch zu den Botlern zählen, wenn man ihre Kolumnen auf https://techniktagebuch.tumblr.com/ richtig deutet. Die Leute, die dort schreiben, berichten ebenfalls sehr ausführlich über ihre Erfahrungen mit KI-Werkzeugen. Sie haben also keinen Grund, ihre Präferenzen und Vorgehensweisen zu verbergen. Ein Verzicht auf Kommunikation ist hier auch nicht zu erwarten.