Bücher, KI und steile Thesen …

Büchervernichtung, ökologisch korrekt

Büchervernichtung

… Eine kritische Auseinandersetzung mit Scobels Video zu großen Büchervernichtung

Gert Scobel stellt in seinem Video eine Frage, die nicht nur kulturkritisch, sondern tatsächlich relevant ist: Was geht verloren, wenn Bücher verschwinden, digital ersetzt werden oder in einer immer stärker von KI geprägten Medienwelt ihre frühere Selbstverständlichkeit verlieren? Diese Grundfrage ist weder nostalgisch noch belanglos. Sie berührt Fragen von Aufmerksamkeit, Verlässlichkeit, kultureller Überlieferung und der Materialität von Wissen.

Gerade deshalb ist es schade, dass die Argumentation im Verlauf des Videos immer wieder unter steilen Thesen leidet, die mehr behaupten als die empirische Lage hergibt. Scobel beobachtet vieles richtig oder zumindest bedenkenswert, aber er neigt dazu, Einzelbeobachtungen rhetorisch in allgemeine Diagnosen zu verwandeln; doch bevor Du als Blog-Leser zu dieser Erkenntnis oder einer anderen kommen kannst, sollte man sich das kurze Video in aller Ruhe anschauen.

Die Ausgangsfrage, warum werden jetzt so viele Bücher in den Müll geworfen, ist spannend.
Scobel legt also direkt los: Bücher sind nicht einfach nur Informationsträger, sondern auch Speicher von Erfahrung, von Lektürebiografien und von geistiger Arbeit. Besonders bei Privatbibliotheken, Nachlässen und Exemplaren mit Notizen, Einlegezettel und postits gilt das tatsächlich: Randnotizen, Besitzspuren, Widmungen und Einlagen können später für Forschung, Erinnerung oder Familiengeschichte relevant werden.

Auch die Sorge, dass mit der Digitalisierung nicht nur Formate wechseln, sondern Praktiken des Lesens und der Überlieferung, ist gut nachvollziehbar begründet. Wer längere Texte liest, kennt den Unterschied zwischen flüchtigem Scannen, konzentrierter Lektüre und bloßer Verfügbarkeit nur zu gut. Wer das nicht kennen sollte, sondern zunächst die im Netz üblichen Scan- oder Überblickstechniken kennengelernt hat, der ist wahrscheinlich kein Boomer, sondern eine Digital Native.

Bücher werden gegenwärtig massenhaft weggeworfen …

Eine der frühen steilen Thesen von Scobel: Heute werden überall massenhaft Bücher weggeworfen, früher ist das nicht so gewesen. Das Problem an dieser Behauptung ist nicht, dass es gar keine Buchentsorgung gäbe. Natürlich werden Bücher heute ausgesondert, recycelt oder im Altpapier entsorgt; Kommunen und Recyclingstellen behandeln das als normalen Vorgang. Aber war das früher nicht auch schon so?
Für die starke Version von Scobels Behauptung fehlen belastbare Statistiken speziell zu weggeworfenen Büchern. Die verfügbaren Abfalldaten betreffen Papier- oder Verpackungsmengen insgesamt, nicht die historische Entwicklung der Buchvernichtung als eigener Kategorie.

Treffender wäre folgende These gewesen: Bücher werden heute leichter und sichtbarer entsorgt, weil Wohnraum knapper, Umzüge häufiger, Bibliotheken selektiver und digitale Alternativen selbstverständlicher geworden sind. Das ist ein realer Strukturwandel. Die große kulturhistorische These „früher nicht, heute überall“ ist damit als Überspitzung erkennbar. Oder wie Einstein gesagt hat: Man soll alles so einfach wie nur möglich erklären, aber nicht einfacher.

Geht mit Professorenbibliotheken Wissen verloren?

„Man soll alles so einfach wie möglich machen, aber nicht einfacher.“

„Man soll alles so einfach wie möglich machen, aber nicht einfacher.“

Später verschiebt Scobel die Perspektive, ohne diesen abrupten Perspektivwechsel transparent zu machen. Es geht nicht mehr um Bücher überhaupt, sondern um die Bibliotheken von Professoren, Intellektuellen oder Gelehrten, also um Bücher voller Notizen oder sonstigen Beiwerk. Hier hat er klar einen Punkt: Solche Exemplare können wissenschaftlich wertvoll sein, gerade weil sie Denkspuren enthalten, die in der gedruckten Ausgabe selbst nicht sichtbar sind.

Nur ist auch das kein neues Phänomen. Privatbibliotheken waren immer fragile Bestände; sie wurden nach Todesfällen, Umzügen und Nachlassauflösungen zerstreut, verkauft oder schlicht verloren. Dass dabei Wissen oder zumindest Kontext verloren geht, ist kein spezifisches Problem der Gegenwart, sondern eine Grundbedingung kultureller Überlieferung.

Die Gegenwart verändert daran eher die Form des Problems. Digitale Notizen, Notizen und Zitatsammlungen (möglicherweise sogar noch auf Karteikarten) können besser kopiert, durchsucht und archiviert werden als private Bleistiftspuren am Seitenrand. Zugleich sind sie ohne Pflege, Formatstandards und Langzeitarchivierung auch erstaunlich fragil. Das oft zitierte „Das Netz vergisst nicht“ ist deshalb höchstens halb wahr: Digitale Anmerkungen haben bei guter Archivierung bessere Chancen auf Wiederauffindbarkeit, aber sie sind nicht automatisch sicher. Auf dieses Problem geht aber Scobel nicht ein, das Video würde sonst zu lang.

Lesen junge Leute fast nur Young Adult, und ist das überwiegend KI?

Schon im ersten Drittel kippt das Video besonders deutlich in die Übertreibung. Die Behauptung, junge Leute läsen überwiegend nur Young-Adult-Bücher und diese seien überwiegend von KI geschrieben, ist empirisch so nicht haltbar.

„Young Adult“ ist ein Markt- und Zielgruppenbegriff für Bücher über Jugend, Identität, erste Beziehungen und Erwachsenwerden; er beschreibt keinen exklusiven Lesekorridor einer ganzen Generation. Jugendliche lesen sehr unterschiedlich, und die JIM-Studie zeigt eher, dass gedruckte Bücher weiter eine Rolle spielen, auch wenn sich Lesen heute zwischen mehreren Medienformen verteilt.
Noch schlechter belegt ist der zweite Teil der steilen Thesen der Zwischenüberschrift. Es gibt Hinweise auf wachsende Mengen KI-generierter Bücher im Self-Publishing und auf Online-Plattformen, besonders bei Kinderbüchern, Genreliteratur und schnell produzierten Titeln. Aber daraus folgt nicht, dass junge Leser überwiegend KI-geschriebene Young-Adult-Bücher lesen. Belegt sind einzelne Plattformphänomene und Verdachtsfälle, nicht die pauschale Diagnose eines ganzen Lesemarkts.

Vielleicht ist diese Aussage aber eine interessante Zukunftsprognose. Scobel ist ein Freud der KI und vermeidet gegenüber KI und Technik stets jede kulturkritische Anmutung, muss aber leider Tag für Tag sehen, dass KI von vielen (jungen wie alten) Nutzern nicht zur Steigerung der Kompetenz genutzt wird, sondern um lästige Denkarbeit auszulagern.

Schön ist daher die Einbettung der vielen Harald-Schmidt-Video-Schnipsel: Das Lesen von Goethe Faust 2 war schon immer sterbenslangweilig. Damals als ich das lesen musste, konnte ich nur Königs Erläuterungen zur Beschleunigung nutzen, heute greifen die Gymnasiasten lieber zu einem KI-Chatbot.

Analog oder digital: die falsche Frontlinie

Ein wiederkehrendes Motiv von Scobels Videos ist die Gegenüberstellung von analogen und digitalen Büchern. Wie fast immer wird die komplexe Begriffskoppelung nicht erläutert. Leute, die wie Jens Schröter darüber nachgedacht haben, kommen zu dem Ergebnis, dass die übliche Begriffsverwendung mehr verklärt als erklärt.

Diese Dichotomie (=absolute Entgegensetzung) von analog und digital ist viel zu grob, um überhaupt etwas erklären zu können. Viele Bücher erscheinen heutzutage gleichzeitig als gedrucktes Buch und als E-Book; bei einem Sachbuchautor (nehmen wir als Beispiel Daniel Kahneman oder Richard David Precht) steht dann nicht „das analoge Buch“ dem „digitalen Text“ gegenüber, sondern derselbe Text wird auf zwei unterschiedliche Zugangsformen angeboten bzw. in drei, wenn man die Hörbuch-Variante noch dazu nimmt.

Die empirisch sinnvollere Frage lautet daher nicht: analog oder digital? Sondern: Wie wird gelesen? Mit welcher Aufmerksamkeit, mit welcher Selbststeuerung, mit welchen Ablenkungen und mit welcher Möglichkeit, zurückzuspringen, zu markieren und Zusammenhänge zu halten?

Mehrere Untersuchungen stützen die naheliegenden Vorteile von Scobel: Papier hat bei längeren, komplexeren Informationstexten Vorteile für Textverständnis, Erinnerung und Orientierung. Das heißt aber nicht, dass sogenanntes digitales Lesen notwendig oberflächlich wäre. Die Frankfurter Leseforschung betont ausdrücklich, dass nicht das Medium allein entscheidet, sondern die Lesehaltung. Genau deshalb gilt der Satz, der in der Debatte gerne unterschlagen wird: Deep Reading ist nicht automatisch an Papier gebunden. Entscheidend ist weniger das Medium als die Lesehaltung; auch digital kann man tief lesen, wenn man störungsarm, langsam und mit Kontrolle über Tempo und Markierungen liest. Das ist bei einem E-Book-Reader eher gegeben, als beim Smartphone, Tablet oder PC. Diese erfolgreiche digitale Form des Bücherlesens kommt bei Scobel aber nicht vor.

Audio ist die eigentlich interessante dritte Achse

Auffällig ist, dass Scobel den Trend vom Lesen zum Hören kaum thematisiert, obwohl er für viele Leser viel relevanter sein dürfte als der überbetonte Gegensatz von Papier und Display. Für komplexe Sachtexte macht es einen erheblichen Unterschied, ob man selbst über Tempo, Rücksprünge und Blickführung verfügt oder ob man einem kontinuierlichen Audiofluss folgen muss.

Viele Leser kennen die Erfahrung, dass ein gutes Hörbuch trotzdem nur wie akustisches Hintergrundrauschen wirkt, wenn der Text argumentativ dicht ist. Gerade bei Büchern wie Kahnemans Schnelles Denken, langsames Denken kann das Hören deshalb deutlich anstrengender sein als das Lesen, weil man den Gedankengang nicht frei anhalten, strukturieren und rückwärts abtasten kann.
Umgekehrt zeigt die meine eigene Lektüreerfahrung mit Gerhard Henschels Martin-Schlosser-Zyklus, dass nicht jeder Text denselben Grad an Leseflusssteuerung braucht. Henschels Romane werden in Besprechungen als chronikalisch, detailfreudig und weitgehend linear beschrieben; ein solcher Text trägt im Audioformat oft fast so gut wie in Print oder E-Book und das ist sogar zutreffend, wenn die Bücher gegenwärtig noch nicht im Audio-Format kaufbar sind. Nicht das Medium allein entscheidet also, sondern auch die Form des Textes.
Sind analoge Bücher verlässlicher?

An einer Stelle formuliert Scobel sinngemäß, bei digitalen Texten könne man nie sicher sein, ob man wirklich den Text vor sich habe, den man lesen will oder muss. Zugespitzt mit dem Beispiel Kant: Wer irgendeinen Text aus dem Internet herunterlädt, hat damit noch keine verlässliche Ausgabe Kants in der Hand.

Das ist richtig, aber auch hier braucht es Differenzierung. Zwischen einem beliebigen Download und einer lizenzierten Ausgabe über eine Universitätsbibliothek liegt ein gewaltiger Unterschied. Wer Kahneman aus einer Schattenbibliothek lädt, muss nicht nur rechtlich, sondern auch bibliografisch vorsichtig sein; wer dagegen ein E-Book über die eine Uni-Bibliothek oder einen regulären Verlag bezieht, bekommt im Regelfall eine identifizierbare und verlässliche Ausgabe.

Der Vorteil von Print lag und liegt also nicht magisch im Papier, sondern oft in der bibliografischen Eindeutigkeit: Verlag, Ausgabe, Übersetzer, Seitenzählung, physische Identität. Diese Verlässlichkeit lässt sich digital durchaus nachbauen, aber nur unter institutionellen Bedingungen, nicht in der Wildnis beliebiger Downloads.

Die Sorge vor gefilterten E-Books

An diesem Punkt bekommt Scobels Skepsis gegenüber einer rein digitalen Buchwelt durchaus Schärfe. Wenn Bücher irgendwann primär als kontrollierte E-Books über Plattformen, Lizenzen und kuratierte also gesteuerte Zugänge zirkulieren, wächst die Abhängigkeit von technischen und institutionellen Filtern.

Die Geschichte kennt genug Beispiele für gekürzte, „jugendgerechte“ oder politisch bearbeitete Ausgaben von Klassikern. Oliver Twist ist in gekürzten Fassungen für jüngere Leser erhältlich; Debatten über Verbote, Indizierungen oder pädagogische Bereinigungen sind älter als das Internet. Die polemische Vision, man bekomme irgendwann nur noch politisch korrekt glattgeschliffene Bücher, ist vorerst noch sehr überzogen. Aber der zugrunde liegende Gedanke ist nicht vollkommen verkehrt: Wer den Zugang kontrolliert, kontrolliert potenziell auch die sichtbare Fassung eines Textes.

KI, hybride Bücher und die Frage nach dem Ursprung

Im dritten Drittel des Videos behauptet Scobel, Bücher würden künftig immer stärker andere Medienformate und künstlich erzeugte Elemente enthalten. Diese These ist deutlich plausibler als manche vorherige. Schon heute gibt es hybride Buchformen, interaktive oder multimediale Formate und sogar maschinengenerierte Literaturüberblicke im Fachverlagsbereich.

Allerdings führt diese Entwicklung in eine Debatte, die Scobel zu einfach behandelt: die Unterscheidung zwischen künstlich und nicht künstlich erzeugten Texten. In der Praxis entstehen die meisten brauchbaren KI-Texte nicht durch isolierte Maschinenaktivität, sondern durch Prompting, Auswahl, Nachbearbeitung und redaktionelle Entscheidung. Noch entscheidender: Fast jeder ernsthaft entwickelte Text mit Unterstützung durch KI-Werkzeuge braucht eine ganze Reihe von Iterationsschritten. Ein Prompt sie „Schreib mir eine kritische Rezension zum Video von Scobel …(URL)“, könnte zwar einen lesbaren Text liefern und auf den ersten Blick ganz passabel aussehen, führt aber sicherlich nicht auf Anhieb auf ein Ergebnis, mit dem man sich sehen lassen kann.

Deshalb ist die auch Vorstellung eines klar berechenbaren „KI-Anteils“ fast immer irreführend und nie zielführend, um zu erklären, warum denn ein Text gut oder schlecht ist. Erkennungstools arbeiten unzuverlässig, produzieren Fehlalarme und können die Herkunft eines Textes gerade bei gemischten Entstehungsprozessen praktisch nicht bestimmen. Wenn ein Text überzeugend, empirisch fundiert und für Leser hilfreich ist, dann wird die exakte Höhe des KI-Anteils sowieso für den Leser zweitrangig; schon deshalb, weil sie sich ohnehin kaum verlässlich angeben lässt.

Sind KI-Texte resonanzleer?

Scobels vielleicht stärkster/steilster Satz am Ende lautet sinngemäß: KI-Texte sind statistisch plausibel, entstehen aber nicht mehr aus einer Begegnung mit Wirklichkeit, hätten niemanden erschüttert, keine Zweifel erzeugt, keine schlaflose Nacht verursacht und seien in einem bestimmten Sinn resonanzleer.

Als kulturkritische Formulierung ist das gängig, wenn auch nicht elegant. Aber auch hier beschreibt Scobel den Entstehungsprozess deutlich zu unterkomplex. Viele KI-Texte entstehen eben nicht aus einer einsamen Rechenoperation, sondern aus Mensch-KI-Interaktion (besser: Iterrationen), aus Fragen, Revisionen, Konflikten, Quellenarbeit und redaktioneller Auswahl.

Gerade deshalb wäre eine genauere Formulierung dieser These besser so zu formulieren: KI-Texte können auch dann resonanzarm wirken, wenn sie interaktiv erzeugt wurden, weil der letzte Schritt oft statistische Glättung belohnt und biografische Reibung abschwächt. Das ist der nachvollziehbare Kern der Scobelschen Analyse, ohne so zu tun, als gäbe es auf der anderen Seite reine, unvermittelte Menschenrede.
Wird ChatGPT dümmer, weil der Chatbot von Open-AI zu viele synthetische Daten bekommt?

Auch diese Frage taucht im Video als Behauptung auf. Dazu gibt es natürlich passende relevante Informationen: Es existieren ernsthafte Warnungen vor Modellkollaps, also davor, dass KI-Systeme durch zu viele synthetische oder rekursiv aus KI erzeugte Trainingsdaten an Vielfalt und Qualität verlieren.

Nicht sauber belegt ist dagegen die stärkere Formel, ChatGPT sei bereits nachweisbar insgesamt „dümmer geworden“, und zwar genau aus diesem Grund. Sprachmodelle ändern sich laufend durch Sicherheitsfilter, Produktentscheidungen, Ressourcensteuerung, neue Trainingsmischungen und Interface-Anpassungen. Beobachtete Verschlechterungen können viele Ursachen haben.
Auch hier haben wir also wieder dasselbe Muster beim Scobel-Video: eine interessante reale Sorge, rhetorisch auf die maximale Form hochgeschaukelt und damit leicht angreifbar. Einstein lässt erneut grüßen, siehe oben.

Die Vinyl-CD-Analogie

Zu den schillernderen, aber schwächeren Passagen beim Video gehört die Analogie zu CD und Vinyl. Die Behauptung, CDs seien grundsätzlich schlechter als Vinyl und es gebe eine massenhafte Rückkehr von Künstlern und Publikum zu Schallplatten, lebt stärker von kulturellem Gefühl als von analytischer Genauigkeit. Selbst wenn Vinyl ein Revival erlebt, dominiert den Audiomarkt längst etwas ganz anderes: Streaming.

Als Analogie soll das vermutlich zeigen, dass ältere Formate symbolisch aufgewertet werden, wenn jüngere Formate Enttäuschungen produzieren. Das ist als Bild nicht unbrauchbar. Aber es beweist noch nicht, dass das ältere Medium technisch, kulturell oder erkenntnistheoretisch grundsätzlich überlegen wäre.

Das Problem der Form: Ein YouTube-Video ist kein Sachbuch

Schreenshot https://ethz.ch/staffnet/de/news-und-veranstaltungen/intern-aktuell/archiv/2025/11/man-soll-die-dinge-so-einfach-wie-moeglich-machen-aber-nicht-einfacher.html

Schreenshot https://ethz.ch/staffnet/de/news-und-veranstaltungen/intern-aktuell/archiv/2025/11/man-soll-die-dinge-so-einfach-wie-moeglich-machen-aber-nicht-einfacher.html

Man muss Scobel zugutehalten, dass ein knappes YouTube-Video nicht dieselbe argumentative Tiefe leisten kann wie ein kluges Buch mit 200 Seiten oder mehr. Kurzformate arbeiten mit Zuspitzung, Rhythmus und Aufmerksamkeitseffekten. Gerade in der Wissenschaftskommunikation kann das sogar sinnvoll sein, solange die Vereinfachung nicht in Irreführung kippt.

Aber genau hier liegt das Problem des Videos. Die Stärke der Behauptung wird mehrfach nicht durch eine entsprechende Stärke der Begründung gedeckt. Steile Sätze werden in einem Ton der Selbstverständlichkeit eingestreut, obwohl sie bei näherem Hinsehen entweder nur halb belegt, stark kontextabhängig oder deutlich zu pauschal sind. Das ist kein Kapitalverbrechen. Blogautoren, Kolumnisten und essayistische Denker machen so etwas ständig. Auch mit meinem eigenen Schreiben passiert es leicht, dass man eine Überzeugung zuspitzt, ohne die zehn Sätze Begründung nachzuliefern, die man im wissenschaftsjournalistischen Text liefern müsste. Nur sollte man dann wissen, wann man argumentiert und wann man pointiert.

buecher-boom

buecher-boom

Die Behauptung am Schluss, dass das Buch ein große Zukunft hat und in 20 bis 30 Jahren den heutigen jungen Sammlern fette Spekulationsgewinne verschaffen wird, ist dann allerdings so steil, dass man sich die Frage stellt, ob Scobel das selbst glauben kann.

Fazit

Mir ist klar, dass Scobel etwas Konstruktives will und viele beachtenswerte Beobachtungen und Einschätzungen liefern kann. Die Fragen nach der Materialität des Lesens, nach der Verlässlichkeit von Textüberlieferung, nach der kulturellen Bedeutung von Büchern und nach den Risiken einer verkürzt gedachten KI-auf-Prompt-Textlieferung sind alles andere als lächerlich.
Aber die Qualität der Argumentation leidet dort, wo die Thesen zu steil werden und die empirische Absicherung unscharf bleibt. Scobel sieht reale Probleme, nur beschreibt er sie oft in einer Form, die analytisch mehr verspricht, als sie halten kann.

Vielleicht liegt darin sogar die eigentliche Ironie des Videos. Es verteidigt das Buch als Ort der Genauigkeit, der Unterscheidung und der gedanklichen Verlangsamung, argumentiert aber selbst mehrfach in einer Weise, die eher den schnellen Aufmerksamkeitsmedien entspricht als dem langsamen Lesen, dem Scobel eine goldene Zukunft verspricht.

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