Autoren-Relevanz einschätzen, ohne eine Zeile vom Autor zu lesen?

 … wie man Autoren-Relevanz einschätzt, ohne eine Publikation vom Autor zu lesen – und warum Detailtiefe in der Recherche den Relativismus der Philosophie widerlegen kann.

Relativismus in der Philosophie

Relativismus in der Philosophie

Ein bekanntes Bonner Print-Medium berichtete kürzlich über einen jungen Autor, der an der Universität hier studiert und gleichzeitig mehrere Bücher auf dem Buchmarkt platzieren konnte. Die Frage drängt sich mir auf: Wie kann man erfolgreich studieren und gleichzeitig umfangreiche Titel veröffentlichen? Und vor allem: Hat der betreffende Autor überhaupt Relevanz, die eine Lektüre lohnen würde? Um diese Frage zu beantworten, muss man nicht unbedingt seine Bücher sofort lesen. Eine detailreiche Vorrecherche am PC und mit Hilfe des Internets genügt – und sie liefert objektive Schlussfolgerungen, die zugleich die lustige Konsequenz haben, den philosophischen Relativismus zu destabilisieren.

Bei Amazon fällt zunächst auf: Das aktuelle Buch des Autors – nennen wir ihn Mike -, das wenige Monate existiert, hat keine Rezensionen. Das bedeutet nicht automatisch etwas, aber es zeigt zumindest, dass kein Bestseller-Einschlag vorliegt. Ein älteres Buch des Autors zu seinem Studienfach ist schon fünf Jahre alt und hat genau zwei Rezensionen – beide mit fünf Sternen. Beim Nachschauen des ersten Rezensenten – nennen wir ihn Martin – erkennt man: Dieser Amazon-Rezensent hat 4 Rezensionen geschrieben, alle mit fünf Sternen, und alle betreffen Bücher vom Autor Mike. Der zweite Rezensent – nennen wir sie Tanja – trägt den gleichen Familiennamen wie der Autor. Ihre ungefähr 10 Rezensionen sind entweder fünf Sterne oder 1 Stern, 5 Sterne bekommt aber nur Mike, und das gleich für 3 Bücher.

Sockenpuppen-Account illustrieren

Sockenpuppen-Account illustrieren

Diese Muster sind eindeutig. Rezensenten, die ausschließlich einen Autor bewerten, alle mit fünf Sternen, sind höchstwahrscheinlich Bekannte oder Familienmitglieder, es könnte aber auch ein sogenannter Sockenpuppen-Account sein. Amazon hat eine klare Richtlinie: Sockenpuppen-Accounts sind unzulässig; Freunde und Bekannte von Autoren dürfen nicht rezensieren. Solche positiven Bewertungen wären ja auch keine unabhängige Rezeption, sondern Gefälligkeitsrezensionen. Sie sind für die Relevanz-Einschätzung eines Autors nicht aussagekräftig, bzw. schon aussagekräftig, wenn man erkennt, dass es Gefälligkeiten sind.

Auch andere Quellen-Recherchen bestätigen diesen vorläufigen Befund. Bei Perlentaucher, der renommierten Sammlung deutschsprachiger Literaturkritiken, taucht der Autor Mike gar nicht auf. Eine Google-Recherche ergibt nur eine einzige auffindbare Rezension, und sie stammt tatsächlich von einem sehr renommierten Leitmedium aus der Mitte von Deutschland. Allerdings ist diese Rezension ein Verriss. Der Rezensent, nennen wir ihn Janosch, kritisiert, dass der Autor hochgestochen Quellen seines Fachgebietes in übertriebener Weise in Fußnoten und Fließtext platziert, aber zum eigentlichen Thema nichts über allgemein Bekanntes hinaus sagen kann. Das einzige Lob ist, dass das Buch eine nette Zusammenstellung schon bekannter Positionen zum Thema ist. Keine Originalität, keine neuen Argumente, keine Substanz.

Aus diesen Details folgt eine vorläufige, aber objektive Schlussfolgerung: Der Autor hat keine messbare externe Relevanz. Keine unabhängige Rezeption, keine Perlentaucher-Treffer, ein Verriss von einem Leitmedium, möglicherweise manipulierte Amazon-Bewertungen. Der Bericht des Lokal-Mediums ist wahrscheinlich lokale Porträt-Berichterstattung ohne faktische Relevanzprüfung.

Dieses Ergebnis ist jedoch vorläufig. Die konkrete Lektüre der Bücher könnte diese Vorrecherche-Schlussfolgerung über den Haufen werfen. Wichtiger ist ein anderer Punkt: Diese Methode der Detailrecherche zeigt, dass philosophischer Relativismus – die Position, dass es keine objektive Wahrheit gibt, sondern nur Perspektiven, bei denen man nicht entscheiden kann, was richtig und falsch ist – durch Detailtiefe in einer Recherche destabilisiert werden kann. Vor der Recherche war die Sache relativ: „Vielleicht relevant, vielleicht nicht.“ Nach der Recherche ist sie objektiv entscheidbar oder entscheidbarer. Der Relativismus war nur Folge von Informationsarmut. Sobald man tief genug in die Details hineinguckt, wird also Wahrheit entscheidbarer. An dem Beispiel wird auch deutlich, warum einige Wissenschafts-Philosophen die Position vertreten, dass es Aufgabe von Wissenschaft ist, sich der Wahrheit zu nähern, was nur möglich ist, wenn es eine Wahrheit gibt: Wir irren uns empor, so die verkürzte Formulierung, die gerne verwandt wird.

Wir irren uns empor

Wir irren uns empor

Man kann also nach Recherchen oder anderen Vorgehensweisen, die Zeit und oder Geld kosten, eine Aussage anders einordnen, als vor den Bemühungen oder Auseinandersetzungen. Oder um es wahrscheinlichkeitstheoretisch auszudrücken: Die Aussage „der Autor ist relevant“ wird durch die Recherche weniger wahrscheinlich. Das sollte einen aber nicht davon abhalten, sich weiter mit dem Autor auseinanderzusetzen. Möglicherweise ist der junge Mann ein Genie und spätere Generationen werden ihn als Pflichtlektüre im Leistungskurs lesen müssen.

Investigative Vorrecherche ermöglicht objektive Einschätzungen auch ohne Lesen. Das gilt für Bücher, Autoren, Wissenschaftler – und für alle Fragen, bei denen man zunächst denkt: „Man kann es nicht entscheiden.“ Detailtiefe macht Relativismus obsolet.

Hier ein paar interessante weitere Quellen zur Thematik

  1. Fake-Amazon-Rezensionen erkennen: 7 klare Anhaltspunkte
  2. Woran du Fake-Rezensionen erkennst (und woran nicht)
  3. Wie Amazon echte Besprechungen und Fake Rezensionen unterscheidet
  4. Online-Buchhandel – Wie filtert Amazon gekaufte Rezensionen heraus?
  5. Relativism – Stanford Encyclopedia of Philosophy
  6. Investigative Recherchen, Teil 1: Auf der Suche nach der Wahrheit

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