Bob Blumes „Schule im AI-Slop“ – visionärer Anspruch oder didaktischer Schweinsgalopp?

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Am Abend des 19. Mai 2026 um 18:45 Uhr verwandelte sich die Stage 3 der re:publica in ein pädagogisches Laboratorium. Unter dem provokanten Titel „Schule im AI-Slop“ trat Bob Blume – Autor, „Blogger des Jahres“ und mittlerweile Promovierender an der JKU Linz – an, um die digitale Transformation des Bildungswesens zu sezieren. Der Begriff „Slop“ (Slop steht für „KI-generierter Müll“) diente hier als scharfe Metapher für eine Schule, die im Begriff ist, in der Belanglosigkeit automatisierter Inhalte zu versinken. Blume versuchte, die Rolle des kritischen Aufklärers einzunehmen, wobei allerdings der Rahmen ein strukturelles Paradoxon offenbarte: Während er leidenschaftlich für „digitale Souveränität“ und tiefgründige Reflexion plädierte, erforderte das 30-minütige Kurz-Vortragsformat für seine Argumentation eine Geschwindigkeit, die den eigenen Anspruch an Tiefenschärfe fast zwangsläufig unterlaufen musste. Diese Diskrepanz zwischen dem Plädoyer für Entschleunigung und dem tatsächlichen „Schweinsgalopp“ der Performance ist ein Ausgangspunkt meiner kritischen Überlegungen zu einem Vortrag, der mir durchaus gut gefallen haben könnte.

Anmerkung zum Video: Die 3. – 5. Minute kann man überspringen, hier wartet man nur auf das Ende des Experiments.

Blume plante trotz erkennbarer Zeitnot ein gewagten Manöver: Er sprach nicht nur über Unterricht, sondern versuchte, die gesamte Session als performative Unterrichtsstunde zu maskieren.

Das performative Experiment: Didaktik im Schnelldurchlauf

Diese methodisch-didaktische Inszenierung war kein Zufall, sondern ein strategischer Versuch, die eigene Glaubwürdigkeit als Praktiker vor einem fachlich kompetenten und freundlich gesonnenen Publikum zu einem Experiment zu nutzen. Der Einstieg erfolgte über einen bewussten Rückgriff: Ein drei Jahre alter Artikel mit der These „Hausaufgaben sind tot“. Dass Blume hier ein „veraltetes“ Dokument nutzte, in dem ChatGPT noch erklärt werden musste, war ein geschickter Hinweis auf die Stagnation der bildungspolitischen Debatte trotz rasanter technischer Entwicklung.

Blume plante trotz erkennbarer Zeitnot ein gewagten Manöver: Er sprach nicht nur über Unterricht, sondern versuchte, die gesamte Session als performative Unterrichtsstunde zu maskieren.

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Um das Publikum kognitiv zu aktivieren, initiierte Blume ein „Arm-Hebe-Experiment“ zur Klassenführung – inklusive des ironischen Seitenhiebs, dass derjenige, der den Arm zuletzt senkt, ein „Elon Musk-Fan“ sein müsste. Die Nutzung von Direct Messages (DMs) als Tafel-Ersatz könnte Modernität suggerieren. Doch hier könnte man durchaus Bedenken anmelden: Blume referenzierte zwar seine eigene Theorie der „Gelenkstellen“ (von 2018), die er als thematisch-funktionale Verbindungen zwischen Unterrichtsphasen definiert. Im Vortrag jedoch gerieten diese Übergänge durch das extreme Tempo der Präsentation zu rein mechanischen Brücken. Die von Blume postulierten „Tiefendimensionen“ (kognitive Aktivierung und Klassenführung) wurden zwar erwähnt, doch die für echte Bildung notwendige „Produktion von Unbestimmtheit“ (nach Asmussen & Allt, 2017) wurde durch die straffe Taktung im Keim erstickt. Was als Unterrichtsexperiment begann, blieb in der Realität des Formats eine unterhaltsame Simulation ohne pädagogische Reifezeit, was angesichts der Vorgaben und Rahmenbedingungen der re:publica auch nicht anders zu erwarten gewesen wäre.

Diese methodischen Spielereien dienten als Rampe für die Vorstellung seiner drei Kernszenarien, die jedoch viel zu schnell gezeigt werden mussten, weil Blume angesichts der Zeitnot seine Sprechgeschwindigkeit auf 1,5 anzuheben versuchte.

Die drei Szenarien: Bullshit, Hype und Bildung

Blume konkretisierte 3 von 6 Perspektiven für die KI-Zukunft in der Schule. Diese Typisierung ist strategisch sicherlich sinnvoll, um die unübersichtliche Debatte zu strukturieren und Haltungen statt technischer Features zu bewerten.

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Szenario Kernmerkmal Rolle der KI Risiko/Chance
Bullshit (Blindflug) Analoge Strukturen bleiben; Fokus auf Produkte Wird ignoriert oder für Täuschung genutzt Entwertung des Lernens; „Hacking des Systems“
Hype (Glitter-Bullshit) Begeisterung ohne Tiefe; Effizienzfokus „Outsourcing des Denkens“; Lösung für alles Mühsame Inhaltsleere Oberfläche; Verlust der Urteilskraft
Sinnvoll (Bildung) Kulturpragmatismus; Fokus auf Meta-Kompetenzen Werkzeug zum Erklären, Üben, Differenzieren Digitale Souveränität; ethische Reflexion

Besonders scharf analysierte Blume das „Bullshit-Szenario“: Schulen, die weiterhin auf Hausaufgaben und Essays als Produkte setzen, laden zum „Hacking des Systems“ geradezu ein. Wenn der Prozess des Verstehens gegenüber dem fertigen Dokument entwertet wird, verliert Schule ihre Daseinsberechtigung.

Kritisch anzumerken bleibt jedoch, was Blume leider nicht erwähnen konnte: Er verzichtete bewusst auf die regulative, die administrative und vor allem die Machtperspektive(Macht ist mehr als der Markt). Dass der Guardian kürzlich aufdeckte, wie ChatGPT sich auf Musks „Grocopedia“ bezieht, erwähnte Blume. Ohne weitere Konkretisierungen bleibt ein „Bildungsszenario“ ein idealistisches Konstrukt, das die geopolitische Realität der Abhängigkeit von US-Plattformen und deren ideologischen Bias nicht zur Sprache bringen kann. Der Elon Musk-Erwähnung war allerdings eine witzige Pointe.

Ergänzend könnte man noch hinzufügen, dass das Problem mit dem Bildungskonzept so alt ist, wie der Begriff, den von Alexander von Humboldt entwickelt wurde, um das preußische Schulwesen zu reformieren. Was damals nicht gelang, gelang auch später nicht und echte Bildungsinhalte waren auch in den Gymnasial-Reformen seit den 1970er-Jahren leider nicht zum Zuge gekommen.

Das philosophische Fundament: Bieri, Anstrengung und der Faktor Mensch

Zum Ende der Präsentation fand Blume Unterstützung im philosophischen Diskurs und zitierte Peter Bieri. Die Unterscheidung zwischen „Ausbildung“ (etwas können) und „Bildung“ (etwas werden/eine Haltung einnehmen) bildete das Fundament für sein Plädoyer zur „Anstrengung“. Wahre Bildung entstehe nur dort, wo Widerstände überwunden werden – eine Provokation in Zeiten, in denen KI jeden Denkprozess glattbügeln kann.

Das Finale, in dem seine Schwester Hanna auf der Bühne tanzte, sollte als Symbol für das Unautomatisierbare dienen: Präsenz, Lebendigkeit und „Connection“. Aus kritischer Sicht könnte man dieses Tanz-Finale jedoch auch anders einordnen: z.B. als eine didaktische Nebelkerze – wie sie gerne im Referendariatsdienst bei Lehrproben Verwendung finden, weil man am Schluss immer gerne einen Medien- oder Methodenwechsel setzen möchte.

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Fazit: Viel Inspiration, wenig Zeit – Das Problem der Unbestimmtheit

Während der Tanz emotional berührten konnte, verschleierte er die mangelnde Konkretisierung. „Connection“ ist ein hohes Gut, aber sie löst den strukturellen „AI-Slop“ in einem 45-minütigen Deutsch- oder Mathematikunterricht nicht auf. Das Pathos des Endes maskierte das Fehlen handlungsleitender „Gelenkstellen“ für den durchschnittlichen re:publica-Besucher und YouTube-Betrachter, wenn man am nächsten Morgen in einer Unterrichtssituation vor oder hinter dem Pult stehen oder sitzen muss. Blume hat die richtigen Fragen aufgeworfen und die Schmerzpunkte benannt. Doch die mühsame Arbeit an der Ausgestaltung einer Schule, die mehr ist als ein „gehacktes System“, erfordert eine Tiefe, die über einen 30-Minuten-Slot hinausgehen muss. Die Debatte fängt gerade erst an.

Offene Fragen für die nächste re:publica-Präsentation:

  • Wie können nationale oder europäische KI-Lösungen konkret aussehen, um die geforderte digitale Souveränität jenseits von US-Monopolen zu sichern?
  • Wie lässt sich der Fokus auf den Lernprozess systemisch verankern, solange das Notenunwesen weiterhin das isolierte „Produkt“ (den Test) prämiert?
  • Wie kann „Anstrengung“ als positiver Wert in einer Schulkultur etabliert werden, die technologisch auf maximale Reibungslosigkeit getrimmt wird?