
re:publica 2026
Die re:publica 2026 LINK, die unter dem Motto „Never Gonna Give You Up“ in Berlin im Mai stattfand, bot eine zentrale Plattform, um die Schnittstellen von Netzpolitik, administrativer Modernisierung und der Widerstandsfähigkeit der Zivilgesellschaft zu analysieren. Die Debatten offenbarten ein komplexes Spannungsfeld zwischen staatlicher Steuerung, wirtschaftlichen Abhängigkeiten von Technologie-Monopolen und basisdemokratischem Aktivismus.
Im Folgenden werden im Internet frei verfügbare Quellen anhand der drei Kernbereiche der politischen Ökonomie der digitalen Republik zusammengefasst:
1. Politik und die ökonomische Neuordnung des digitalen Staates
Der Versuch einer institutionellen Antwort Deutschlands auf die Digitalisierung führt eigentlich zum in der Öffentlichkeit weitgehenden unbekannten neuen Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung (BMDS), dass unter der Leitung von „Digitalminister“ Karsten Wildberger steht. Wildberger begreift das Ministerium als eine Art „Start-up“, das die digitale Infrastruktur durch agile Ansätze beschleunigen soll.
- Der „Germany Stack“: Ein zentrales politisches Projekt ist der Aufbau einer einheitlichen öffentlichen IT-Architektur, die föderierte Cloud-Infrastrukturen und Open-Source-Softwaremodule über alle Verwaltungsebenen hinweg integriert. Ein ambitioniertes Ziel, wenn man bedenkt, dass bisher die Verwaltungen fast nur Microsoft kennen, wenn sie über Software nachdenken.
- Abbau von Abhängigkeiten: Wildberger warnte davor, dass aktuell über 75 Prozent der europäischen Cloud-Infrastruktur und 80 Prozent der digitalen Zahlungen durch nicht-europäische Anbieter kontrolliert werden. Um dies zu ändern, plant der Staat, gezielt durch veränderte Vergaberichtlinien als Ankerkunden für europäische Start-ups aufzutreten und Innovationsbudgets in Millionenhöhe – etwa über den Sovereign Tech Fund – in Open-Source-Ökosysteme zu lenken.
- Automatisierung vs. Kontrolle: Der zunehmende Einsatz von KI in der Verwaltung birgt jedoch Konfliktpotenzial. Während die Politik Effizienzgewinne anstrebt, fordern zivilgesellschaftliche Bündnisse (wie sie vielfach auf der re:publica LINK auftraten) strenge demokratische Kontrollen und den Einsatz von Open-Source-Code, um undemokratische „Black-Box“-Systeme zu verhindern.
2. Digitale Souveränität: Zwischen Mythos, Markt und technologischem Imperialismus
Der Begriff der „digitalen Souveränität“ erwies sich auf der Konferenz als hochgradig umstritten und vielschichtig.
- Widersprüchliche Definitionen: Für viele aus der Zivilgesellschaft bedeutet „digitale Souveränität“ vor allem, die Grundrechte und die Privatsphäre der Menschen zu schützen. Politiker und Unternehmen verstehen darunter oft etwas anderes: Sie wollen vor allem europäische Firmen stärken, damit sie größer und erfolgreicher werden, oder Regeln lockern, damit sie besser mit anderen konkurrieren können.
- Entzauberung des Cloud-Mythos: Forscherinnen des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) wiesen darauf hin, dass mehr Rechenzentren in Europa nicht automatisch Souveränität bedeuten, solange US-Gesetze den US-Behörden Zugriff auf diese Daten gewähren. Zudem wird absolute Autarkie in der Industrie als realitätsfern abgelehnt; stattdessen wird das Konzept einer „Blended Sovereignty“ (gegenseitige Abhängigkeit durch Einbringen europäischer Innovationen in globale Ökosysteme) diskutiert.
- Kritik am KI-Imperialismus: Einen scharfen Gegenentwurf lieferte die Autorin Karen Hao. Sie argumentierte, dass die heutige KI-Entwicklung an historische koloniale Ausbeutung erinnert: Ressourcen (wie Wasser für Rechenzentren in Chile) und billige Arbeitskraft (wie Daten-Clickworker in Kenia) werden aus dem Globalen Süden exploriert, um wenige Silicon-Valley-Konzerne zu bereichern. Den Versuch der EU, mit amerikanischen „Foundation Models“ gleichzuziehen, bezeichnete sie als „Wettlauf nach unten“ und forderte stattdessen ressourceneffiziente, ethisch fundierte Open-Source-Modelle.
3. Ziviler Widerstand: Zivilgesellschaft unter Druck und als Innovationsmotor
Die re:publica 2026 machte deutlich, dass ziviler Widerstand sowohl gegen autoritäre Staaten als auch gegen monopolistische Plattformen und ungerechte Strukturen im eigenen Land zu führen ist.
- Zivilgesellschaft unter finanziellem und rechtlichem Druck: Unabhängige Akteure wie das Anti-Fake-News-Blog Volksverpetzer oder investigative NGOs wie AI Forensics leiden unter massiven Einschränkungen. Dem Volksverpetzer wurde rückwirkend die Gemeinnützigkeit aberkannt, was zu existenziellen finanziellen Belastungen führte. AI Forensics wiederum deckte Deepfake-Skandale von Big-Tech auf, sieht sich jedoch institutionell ungeschützt Repressalien (wie durch Elon Musk) ausgesetzt und leidet unter starren EU-Fördermechanismen.
- Graswurzel-Technologien als Gegenentwurf: Gleichzeitig entwickelt die Zivilgesellschaft eigene technologische Lösungen zur Machtbegrenzung. Start-ups wie Helmit nutzen dezentrale, lokal auf Geräten laufende KI, um Kinder vor Cybermobbing und Grooming zu schützen, ohne deren Daten in die Clouds großer Tech-Konzerne hochzuladen oder ihre Privatsphäre gegenüber den Eltern zu verletzen.
- Transnationaler Widerstand aus dem Exil: Verschiedene wissenschaftliche Berichte und Essays betonten, wie Informations- und Kommunikationstechnologien für den zivilen Widerstand aus dem Exil (z. B. durch die iranische, belarussische oder Hongkonger Diaspora) überlebenswichtig geworden sind. Digitale Werkzeuge ermöglichen die Aufdeckung von staatlicher Gewalt und die Mobilisierung von Protesten. Gleichzeitig nutzen autoritäre Regime eben diese Technologien zur transnationalen Repression, durch gezieltes Doxxing, Hacking und digitale Überwachung von Exilanten und deren Familien.
Fazit: Die politische Ökonomie der digitalen Republik im Jahr 2026 ist durch den Kampf um die Umverteilung technologischer Macht gekennzeichnet. Der Staat versucht, durch administrative Reformen und gezielte Beschaffung ein souveräneres Ökosystem zu schaffen, während Zivilgesellschaft und Graswurzel-Initiativen gleichzeitig Widerstand gegen die ökonomische Ausbeutung durch Big Tech, gegen Desinformation und gegen digitale staatliche Repressionen leisten.
Quellen:
- „Never Gonna Give You Up“: Bavarian Media Innovation at the re … https://www.xplr-media.com/en/xplr-magazine/never-gonna-give-you-up-bavarian-media-innovation-at-the-republica/
- #rp25 speaker Karsten Wildberger: The Digital Ministry as a Start-Up – re:publica https://re-publica.com/en/news/rp25-speaker-karsten-wildberger-digital-ministry-start
- #rp26 speaker Karsten Wildberger & Markus Beckedahl: What can … https://re-publica.com/en/news/rp26-speaker-karsten-wildberger-markus-beckedahl-what-can-you-tell-us-about-current-state
- AI Forensics vs. BigTech: „We can have retaliation against us“ – netzpolitik.org https://netzpolitik.org/2026/ai-forensics-vs-bigtech-we-can-have-retaliation-against-us/
- About us | republica https://re-publica.com/en/ueber_uns
- Advice for 2026 commencement speakers: Don’t bring up AI – KPBS https://www.kpbs.org/news/science-technology/2026/05/20/advice-for-2026-commencement-speakers-dont-bring-up-ai
- Call for Participation for re:publica 26 | republica https://re-publica.com/en/news/call-participation-republica-26
- Digitale Souveränität: Wie die Entzauberung eines Mythos gelingt … https://netzpolitik.org/2026/digitale-souveraenitaet-wie-die-entzauberung-eines-mythos-gelingt/
- FAQ | republica https://re-publica.com/en/faq
- Germany’s new Digital Ministry aims to accelerate sovereignty, services, and innovation https://ieu-monitoring.com/editorial/germanys-new-digital-ministry-aims-to-accelerate-sovereignty-services-and-innovation/825495?utm_source=ieu-portal
- Keynote Speaker | republica (Teil 1) https://www.re-publica.com/en/keynotes?page=3
- Keynote Speaker | republica (Teil 2) https://re-publica.com/en/keynotes
- Social Media Ban Debate: Facts Over Gut Feeling – CAIS Research https://www.cais-research.de/en/news/social-media-ban-debate-facts-over-gut-feeling/
- The #rp26 ticket shop is open! – Berlin – re:publica https://re-publica.com/en/news/rp26-ticket-shop-open
- The motto for re:publica 26 | republica https://re-publica.com/en/news/never-gonna-give-you-up
- WDR Europaforum – Berlin – re:publica https://re-publica.com/en/partner/wdr-europaforum
- What We’re Watching – Columbia Journalism Review https://www.cjr.org/analysis/what-we-are-watching-cjr-staff-stories-2026-year-ahead-review.php
- What are the ticket prices for re:publica 26? – Berlin https://re-publica.com/en/faq/what-are-ticket-prices-republica-26
YouTube-Videos:
https://youtu.be/qfxRC4FqWO4?si=7FqsEQCY2gPFusjI
https://youtu.be/p14311W-h0k?si=hsJnpYz9UnpDpyU_