Mühe-Prinzip

… Warum es oft besser ist, sich Mühe zu geben, als sie zu vermeiden!

Ein Satz, den man immer wieder hört: „Ich will es später leichter haben.“
Das klingt vernünftig. Wer würde nicht versuchen, Mühe zu sparen, wenn es geht?

Es ist schon 10 Jahre oder länger her, als ein guter Bekannter aus dem weiteren Bonner Umfeld, damals Mitte 50, sich vor eine  Entscheidung gestellt hatte. Er überlege, in eine altersgerechte Wohnung zu ziehen – Aufzug, keine Treppen, alles bequem erreichbar. Auf die Frage, ob ihm das Treppensteigen aktuell schwerfalle, sagte mein Freund Günther: „Noch nicht. Aber ich bin ja auch erst 55.“

Genau darin könne der Denkfehler liegen – Mühe muss vermieden werden?

Denn diese Logik der Mühe-Vermeidung ist: Ich vermeide heute Mühe, um morgen weniger Mühe zu haben.
Aber oft passiert das Gegenteil. Wer heute Mühe vermeidet, sorgt dafür, dass ihm morgen genau diese Mühe erst recht schwerfällt.

Mühe-Prinzip

Das ist der Kern dessen, was man Mühe-Prinzip nennen könnte:

Nicht jede Mühe ist schlecht. Und nicht jede Vermeidung von Mühe ist sinnvoll. Im Gegenteil: In vielen Fällen ist es rational, sich bewusst für den anstrengenderen Weg zu entscheiden.

Treppensteigen ist dafür ein einfaches Beispiel.
Wer es regelmäßig tut, erhält seine körperliche Leistungsfähigkeit. Wer es vermeidet, baut sie ab. Die kurzfristige Erleichterung wird langfristig zum Problem.

Das lässt sich verallgemeinern. Mühe wirkt oft wie eine Investition:
– Sie stabilisiert Fähigkeiten.
– Sie verhindert Abbau.
– Sie verschiebt Grenzen, weil sie Handlungsmöglichkeiten schafft.

Bequemlichkeit dagegen ist häufig nur scheinbar neutral. In vielen Fällen ist sie eine Form von schleichendem Verzicht – auf Kraft, auf Kompetenz, auf Selbstständigkeit.

Das bedeutet nicht, dass jede Anstrengung sinnvoll ist. Sinnlose Plackerei bleibt sinnlos. Entscheidend ist, ob die Mühe etwas erhält oder verbessert, das sonst verloren ginge.

Das Mühe-Prinzip lautet deshalb präziser:

Es gibt Situationen, in denen mehr Mühe die bessere Strategie ist, weil sie zukünftige Mühe reduziert.

Oder noch zugespitzter:
Wer Mühe systematisch vermeidet, erzeugt die Bedingungen, unter denen er ihr später nicht mehr ausweichen kann.

Die Idee, das Leben möglichst reibungslos zu gestalten, ist verführerisch. Aber sie übersieht etwas Grundlegendes: Der Mensch ist kein System, das durch Schonung stabil bleibt. Er ist ein System, das durch Nutzung erhalten wird.

Vielleicht wäre die bessere Frage also nicht:
„Wie kann ich es leichter haben?“
Sondern:
„Wo lohnt es sich, dass ich mir Mühe gebe?“

FAZ über Anstrengung und Glück.

FAZ über Anstrengung und Glück.

Die FAZ hat entsprechende Überlegungen auch angestellt: https://www.faz.net/aktuell/wissen/medizin-ernaehrung/bequemlichkeit-warum-sie-eine-sackgasse-ist-accg-200850057.html. Dort schreibt man aber nicht von Mühe, sondern von Anstrengung. Und es geht nicht um die alltägliche Lebensbewältigung, sondern um das Finden von Glück. Unvermeidlich sind auch Neuro-Wissenschaft und IKEA-Prinzip.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert